
- Januar 2004 - Die beste Liga der Welt befindet sich mitten in einer dicken hausgemachten Krise. Und das nicht erst seit gestern. Wer das nicht erkennt ist entweder blind oder verschließt die Augen vor der Wahrheit. In regelmäßigen Abständen stehen immer wieder negative Schlagzeilen in den Zeitungen und auf den Websites, hört man neue Geschichten bei denen man sich an den Kopf fasst. Natürlich sind es oft ganz alltägliche Dinge, die in jeder Firma, in jeder Familie vorkommen, die man aber im Profisport nicht erwartet oder einfach nicht wahrhaben will. Aber es sind auch oft genug Dinge, die auch im alltäglichen Leben nichts zu suchen haben.
Die größten Probleme der NHL sind der Rückgang der Tore und der Zuschauerzahlen. Beides hängt natürlich zusammen. Die Zuschauer in den Hallen wollen etwas sehen für ihr Geld. Denn Tickets für Spiele in der NHL sind sehr teuer. Für die besten Plätze bezahlt man bis zu 300 $. Und das sind keine Schwarzmarkpreise, sondern ganz offizielle Preise. Im Schnitt liegen die Preise für Plätze an der Bande bei etwa 140 $. Die billigsten Plätze hoch unter dem Hallendach kosten im Schnitt etwa 20 $. Dass der Zuschauer bei diesen Preisen auch Tore sehen will ist verständlich. Aber auch in der aktuellen Saison gab es bisher erneut einen Torerückgang zu verzeichnen. Sicher gab es Spiele wie 6:3 oder 5:1. Aber in den ersten 87 Spielen der laufenden Saison gab es unglaubliche 20 Shutouts. Das sind 30 %. Gründe dafür gibt es viele. Immer defensivere Ausrichtung der Spielweise, immer bessere Torhüter, immer stärkere Verteidiger, immer größere Ausrüstung der Torhüter und das Zwei-Linien-Abseits. Das zumindest sagen die Kritiker. Vorschläge, wie man wieder zu mehr Toren in den Spielen kommen kann, gibt es genug. Abschaffung der Mittellinie, Verkleinerung der Torwartausrüstung, Vergrößerung der Tore oder Reduzierung von 5 auf 4 Spieler pro Team wurden als Lösungen vorgebracht. Wie sinnvoll diese Vorschläge sind sei dahin gestellt. Aber dass etwas geschehen muss ist klar. Die Zuschauer sind es leid Spiele mit Fußballergebnissen zu sehen. Ein 1:0 oder 2:1 nach Verlängerung ist keine Seltenheit. Das Abschaffen der Mittellinie wäre sicher ein erster Schritt und die sinnigste Maßnahme. Das Spiel würde schneller werden, es käme öfter zu Kontersituationen.
Das dritte Problem wurde bereits angesprochen. Die Ticketpreise. Kaum jemand kann es sich leisten regelmäßig zu NHL Spielen zu gehen. Sicher, für die ganz harten Fans gibt es Dauerkarten, die etwas günstiger zu haben sind. Für alle 41 Heimspiele bezahlt man dann beispielsweise 1.700 $. Das ist aber nur ein Saisonticket für eine Person. Wer dann Frau und Kinder mitnehmen will, muss schon wieder tief in die Tasche greifen. Dabei sind das nicht mal gute Plätze. Für die wirklich guten Plätze bezahlt man bei einer Dauerkarte, je nach Halle, eher 7000 $. Dass die Tickets so immens teuer sind liegt einfach daran, dass man irgendwie das Geld für die viel zu hohen Spielergehälter reinholen muss. Und da sind wir schon beim nächsten Problem. Das Durchschnittsgehalt in der NHL stieg von 733.000 $ in der Saison 1994/1995 auf 1,79 Mio $ in der Saison 2002/2003. Hier sind sich eigentlich alle Experten einig, die Gehälter sind zu hoch. Ein Salary Cap muss her. Die einzigen die das nicht so sehen, sind die Spieler und die NHLPA (Spielergewerkschaft). Ein Salary Cap ist kurz gesagt eine Begrenzung der Budgets aller Teams. Ausgaben für Spielergehälter in Höhe von 70 Mio $, wie zuletzt bei den Rangers, wären dann nicht mehr möglich. Das aber würde bedeuten, dass die Gehälter der Spieler zwangsläufig deutlich niedriger ausfallen würden als in den letzten Jahren. Es würden wohl alle Gehälter in Zukunft dann um etwa ein Drittel sinken. Ein Peter Forsberg würde statt 11 Mio $ vielleicht nur noch 7 oder 8 Mio $ verdienen. Wenn man dann Aussagen wie die von Alexei Kovalev hört, der zu Beginn der Sommerpause sagte, er müsse schließlich seine Familie ernähren, kommen einem schon Zweifel, ob einige der NHL Stars wirklich wissen was so in der Welt vor sich geht. Kovalev würde dann vielleicht statt seiner 6 Mio $ nur noch 4 Mio $ verdienen. Aber ob dann wirklich gleich seine Familie Hunger leiden müsste ist doch eher unwahrscheinlich. Fakt ist jedenfalls, dass die hohen Spielergehälter der Grund für die finanziellen Probleme der NHL sind. Fakt ist auch, dass ein Salary Cap nicht nur sinnvoll wäre, sondern auch fair. Der Cap würde die finanziellen Probleme der Liga regeln und gleichzeitig für eine gewisse Ausgeglichenheit in der Liga sorgen. Dadurch, dass alle Teams sich an der Budgetobergrenze orientieren müssten, hätten auch die kleinen Teams die Möglichkeit bessere Spieler zu verpflichten.
Immer wieder geraten NHL Teams in große finanzielle Schwierigkeiten. Zuletzt waren es die Buffalo Sabres und die Ottawa Senators, die kurz vor einem Umzug standen. Dass viele Teams jedes Jahr große Verluste machen ist ein offenes Geheimnis. Gerade in Kanada haben es die NHL Teams sehr schwer. Auch hier regiert das Geld. Dummerweise erhalten die kanadischen Teams ihre Einnahmen in kanadischer Währung, die Spielergehälter müssen aber in US $ gezahlt werden. Da der US $ aber mehr wert ist, hat dies einen ständigen finanziellen Verlust zur Folge. Immer wieder verlieren deshalb kanadische Teams ihre Topspieler auch an US Teams. Aber auch in den USA machen die meisten Teams keine Gewinne. Die Sabres konnten in letzter Minute gerettet werden. Lange wurde das Team von der NHL selbst geführt, bis sich endlich ein potenter Käufer fand, der bereit war das Team in Buffalo zu lassen. Aktuell kämpfen die Pittsburgh Penguins in jedem Spiel auch ums Überleben. Mario Lemieux war eigentlich auch nur aus einem Grund wieder als Spieler in die NHL zurückgelehrt, um das Team vor dem Aus zu bewahren. Denn allein sein Name zieht die Fans noch in die völlig veraltete Halle. Für eine dringend benötigte neue halle fehlt es an Geld. Die Stadt drückt sich vor der Verantwortung. Dass aber der sportliche Erfolg nicht gleich auch finanzielle Sicherheit bringt, dass müssen die New Jersey Devils jedes Jahr aufs neue erleben. Auch die Devils brauchen unbedingt eine neue halle und vor allem einen günstigeren Standort für ihre Spiele. Aber auch hier gibt es finanzielle Probleme und deshalb auch hier nach wie vor keine konkreten Pläne für eine neue Halle.
Ein weiterer Punkt ist die immer härtere und oft unfaire Spielweise in der NHL. Immer wieder beschweren sich vor allem die Stars in der Liga über das ständige Haken und Halten. Mario Lemieux hatte damals nicht nur aus gesundheitlichen Gründen seine Karriere vorzeitig beendet, sonder auch wegen der Spielweise in der Liga. Wayne Gretzky hatte keine Lust mehr zu spielen, weil er bei der heutigen Spielweise kaum noch zum Zuge kam. Sonst hätte er sicher noch 2 oder 3 Jahre spielen können. Zuletzt beschwerte sich Bostons Kapitän Joe Thornton über das Haken und Halten und vor allem darüber, dass die Schiedsrichter nichts dagegen unternehmen. In einem Interview ging er sogar soweit, dass er überlege seine Karriere zu beenden. Tatsächlich hatte die NHL bereits zu Beginn der vergangenen Saison alle Schiedsrichter angewiesen, ganz rigoros gegen das Haken und halten, sowie Stockfouls und Beinstellen vorzugehen. Anfangs hagelte es Strafen, so dass kurzeitig durch die vielen Powerplays sogar der Toreschnitt anstieg, aber im Verlauf der Saison nahm das immer mehr ab. In der laufenden Saison wurden bisher reihenweise Fouls jeglicher Art nicht geahndet, was Thornton zu seiner Aussage veranlasste. Immer wieder kommt es auch zu bösen Situationen, bei denen Spieler so schwer verletzt werden, dass sie bleibende körperliche Schäden davon tragen. Gehirnerschütterungen, schwere Knieverletzungen, ja sogar Augenverletzungen sind heute fast normal. Und immer wieder hört man Stimmen die sagen, dass die Spieler nun mal viel geld verdienen und deshalb auch viel einstecken müssen. Aber ist es wirklich normal, dass ein Eishockeyspieler heute stets um seine Gesundheit, teilweise sogar um sein Leben bangen muss? Zur Erinnerung: Marty McSorleys Stockschlag zum Kopf von Donald Brashear hätte durchaus auch tödlich enden können. Die schwere Augenverletzung von Bryan Berard hätte ebenfalls schlimmer enden können. Und nicht wenige NHL Stars mussten bereits ihre Karriere vorzeitig wegen schwerer Kopfverletzungen beenden. Und eine Kopfverletzung kann jederzeit zu bleibenden Gehirnschäden führen.
Noch schlimmer aber wird es, wenn Zuschauer betroffen sind. So geschehen in der letzten Saison, als ein kleines Mädchen auf der Tribüne hinter dem Tor von einem abgefälschten Schlagschuss am Kopf getroffen wurde. Das Kind verstarb wenig später im Krankenhaus. Das Ergebnis sind die heutigen Fangnetze hinter den Toren. Aber diese Fangnetze verhinderten nicht, dass kurz darauf eine Frau auf der Seitentribüne von einem Puck im Gesicht getroffen wurde und sämtlicher Vorderzähne dabei verlor.
Zu allem Überfluss kommen dann noch Schlagzeilen aus dem privaten bereich einiger NHL Spieler. Vor zwei Jahren war Patrick Roy vorübergehend verhaftet worden. Nachbarn hatten die Polizei gerufen, weil sie aus dem Haus der Roys lautes Geschrei und Gepolter hörten. Als die Polizei eintraf deutete alles im Haus auf eine heftige Auseinandersetzung hin. Angeblich hatte Roy seine Frau bei diesem Streit geschlagen, eine Anklage gab es aber nie. Bei einem späteren Zwischenfall wurde Ed Belfour festgenommen, weil er in einem Wutanfall in der Umkleidekabine die Einrichtung zertrümmert hatte. Belfour hatte bei einer anderen Eskapade im trunkenen Zustand auch schon mal versucht zwei Polizisten mit einer hohen Geldsumme zu bestechen. Kevin Stevens wurde wegen Kokainkonsum verhaftet und von der NHL suspendiert. Theo Fleury und Phil Housley waren letztes Jahr betrunken aus einer Diskothek rausgeworfen worden und hatten sich anschließend mit den Türstehern geprügelt. Dabei war Fleury bereits schon mehrfach wegen seiner Alkoholsucht in die Schlagzeilen geraten. Im Sommer war es dann Joe Thornton, der sich im betrunkenen Zustand nach einer Kneipenschlägerei auch noch mit Polizisten anlegte und der Verhaftung widersetzte. Kurz vor Saisonbeginn bekannte sich dann Darren McCarty öffentlich zu seiner Alkoholsucht. Dann der größte Schlag. Dany Heatley verursachte bei überhöhter Geschwindigkeit einen schweren Autounfall bei dem Mannschaftskamerad Dan Snyder ums leben kam. Heatley hatte bereits ein Jahr zuvor einen ähnlich schweren Autounfall mit überhöhter Geschwindigkeit, bei dem aber nur sein Sportwagen Totalschaden erlitt. Die letzte negative Schlagzeile lieferte dann vor wenigern Wochen Kings' Rookie Joe Corvo, der in einem Restaurant eine Frau begrabschte und diese anschließen auch noch verprügelte. Dies alles sind Schlagzeilen, die einer angeschlagenen NHL nicht gerade helfen, sondern dem Ansehen der NHL eher schaden.
Ein ganz großes Problem steht der NHL noch bevor. Im September 2004 läuft der aktuelle Tarifvertrag aus. Beide Seiten, NHL und Teambesitzer auf der einen und NHLPA und Spieler auf der anderen Seite, sind ziemlich festgefahren in ihren Meinungen. Eine vorzeitige Einigung ist nicht in Sicht. Das letzte Treffen beider Seiten endetet mit einer Ablehnung eines von der NHLPA vorgebrachten Vorschlags seitens der NHL. Experten rechnen mit einem Lockout bzw. einem Streik, was unter Umständen einen Ausfall der gesamten Saison 2004/2005 zur Folge haben könnte. Den finanziellen Verlust würden einige Teams vielleicht nicht überstehen. Gleichzeitig läuft auch der TV Vertrag aus. Dies war bisher eine sichere und wichtige Einnahmequalle. Ein neuer TV Vertrag wird ganz sicher deutlich niedriger ausfallen als der aktuelle Vertrag. Die Gründe liegen auf der Hand. Wer hat schon Interesse an einer so ungesunden NHL? NFL, NBA, MLB, NASCAR Racing und selbst College Football und Frauen Fußball locken mehr Zuschauer an die TV Geräte.
Bei allen negativen Schlagzeilen und Unkenrufen darf man aber nicht die positiven Meldungen vergessen. Die Spiele der NHL werden live in rund 220 Ländern auf der ganzen Welt übertragen, selbst in Brasilien, Hong Kong und Rumänien. Die NHL hat wieder neue Sponsoren vertraglich an sich binden können, unter anderem den Spielwaren Riesen LEGO. Trotzdem darf man gespannt sein, wie die NHL sich selbst aus dieser Krise manövrieren wird. Vielleicht ist es ja langsam Zeit für einen Führungswechsel. Commissioner Gary Bettman ist bereits sehr lange an der Spitze der Liga. Er hat viel erreicht, aber es werden immer mehr Stimmen laut, die seinen Abgang fordern. Bei All Star Games wird Bettman von den Zuschauern regelmäßig ausgepfiffen. Viele sehen in ihm den Schuldigen für die Misere. Das ist zwar etwas zu hart, aber ganz unschuldig ist er daran nicht. Zu lange hat er gewartet, zu lange gezögert. Er ist nicht konsequent und hat etwas den Überblick verloren, wie es scheint. Aber noch ist es nicht zu spät. Übrigens fordern noch mehr Stimmen eine Ablösung von NHLPA Direktor Bob Goodenow, der mit seiner Sturheit als größtes Problem gesehen wird, wenn es um einen neuen Tarifvertrag geht. Es gibt also noch viel zu tun und viel zu besprechen. Hoffen wir, dass alles gut ausgeht, denn sonst wird die nächste Saison eine sehr langweilige Saison!