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Analysen

Sicherheit in der NHL

- August 2003 - Die NHL ist wohl zweifellos die beste Liga der Welt, aber wahrscheinlich auch die härteste Liga. Eishockey ist generell ein körperlich harter Sport. Aber in der NHL wird noch deutlich mehr Wert auf Physis gelegt. Das harte Spiel auf den Körper findet hier seinen Höhepunkt. Zwar sind die Spieler durch Helm und diverse Schutzkleidung gut geschützt, aber trotzdem kommt es immer wieder zu schweren Verletzungen. Jedes Spiel kann das Letzte sein, jede Verletzung das Karriereende bedeuten. Aber nicht nur die Spieler sind gefährdet. Auch die Fans auf den Tribünen sehen sich einer ständigen Gefahr durch abprallende Schüsse ausgesetzt. Wie steht es um die Sicherheit in der NHL? Wie gut sind die Spieler geschützt? Und was tut man in der NHL zum Schutz der Zuschauer?

Die häufigsten Verletzungen, die im Eishockey zum vorzeitigen Karriereende führen, sind Knie - und Kopfverletzungen. Erst seit dem 1. Juni 1979 gibt es eine Helmpflicht in der NHL. Bis dato hatte man es den Spielern freigestellt, ob sie einen Schutzhelm tragen wollen. Die Meisten taten dies nicht, da man nicht als "Weichei" angesehen werden wollte. Die übrige Schutzkleidung wurde von allen Spielern recht früh akzeptiert, da diese verdeckt wurde durch das Trikot und zudem vor den harten Bodychecks schützte. Aber auch heute noch tragen viele Spieler keinen Mundschutz und kein Visier. Um die Härte in der NHL einmal zu verdeutlichen, hier einige Beispiele von Spielern, die ihre Karriere wegen häufiger oder schwerer Verletzungen vorzeitig beenden mussten.

Brett LindrosBrett Lindros (New York Islanders), der jüngere Bruder von Eric Lindros (New York Rangers), wurde von Experten hoch eingeschätzt und von den Islanders 1994 beim Draft als Nummer 9 in der ersten Runde gezogen. Schon im gleichen Jahr absolvierte er sein erstes Spiel in der NHL. Allerdings kam er am Ende nur auf 33 Spiele. Eine schwere Gehirnerschütterung hatte ihn lange außer Gefecht gesetzt. Wie sein Bruder Eric lebte er aber von seinem physisch harten Körperspiel. In der folgenden Saison kam er sogar nur auf 18 Spiele, da eine weitere schwere Gehirnerschütterung seine Saison vorzeitig beendete. Nach vielen gründlichen Untersuchungen rieten ihm seine Ärzte mit dem Eishockey aufzuhören, da sonst bleibende Schäden zu erwarten seien. Für Brett war dies ein schwerer Schlag. Er war erst 20 Jahre alt und hatte gerade erst mit dem Profisport begonnen. Heute ist er als Mitarbeiter der NHLPA tätig und arbeitet an der "Be a player" Serie für die Website der NHLPA. Ein ähnliches Schicksal wie Brett hätte im Jahr 2000 auch beinahe seinen Bruder Eric ereilt. Eric Lindros ist bekannt als Prototyp des kanadischen Eishockey. Er wurde 1991 beim Draft als Nummer 1 gezogen und verbindet wie kein anderer Spieler Kraft und Härte mit Technik und Geschick. Aber seine harte Spielweise forderte auch seinen Tribut. Immer wieder wurden seine Leistungen durch Verletzungen gebremst. In den Play Offs 2000 kam der damals noch für die Philadelphia Flyers spielende Center gerade rechtzeitig zur Serie gegen die New Jersey Devils ins Team zurück. Eine schwere Gehirnerschütterung hatte ihn lange zum Zuschauer gemacht. In seinem ersten Spiel erhielt er von Scott Stevens einen harten Check, der ihn zu Boden warf. Das Spiel war für ihn damit beendet. Die Diagnose: Eine schwere Gehirnerschütterung. Es war die sechste Gehirnerschütterung in zwei Jahren. Lange Zeit war unklar ob er überhaupt jemals wieder spielen würde. Mittlerweile ist er zwar wieder aktiv, aber seine Leistungskurve ist stark fallend. Erstaunlich ist jedoch, dass er die zahlreichen Kopfverletzungen offenbar gut überstanden hat und trotz allem noch zu den besten Spielern der Liga zählt.

Pat LafontaineTragischer verlief die Karriere von Pat LaFontaine (New York Islanders, Buffalo Sabres, New York Rangers). Der Center zählt zu den besten US Spielern aller Zeiten. Er war klein, leicht und flink. Dennoch wurde er immer wieder durch harte Checks aus dem Spiel genommen. Und immer wieder lautete die Diagnose: Gehirnerschütterung. 1990 erwischte es Pat zum erstenmal. 1996 ging er nach einem harten Check von Francois Leroux (Pittsburgh Penguins) zu Boden. Sein Helm flog beim Aufprall in hohem Bogen durch die Luft, so dass er ungeschützt mit dem Kopf auf das Eis schlug. Den Zuschauern stockte schon beim Hinsehen der Atem. Zunächst hatte Pat aber keine Probleme. Bei den Untersuchungen wurde nichts außergewöhnliches festgestellt. Erst eine Woche später klagte er über anhaltende Kopfschmerzen und Schwindel. Daraufhin schickte man ihn zu genaueren Untersuchungen in eine Spezialklinik. Die Diagnose war eindeutig. Es war seine fünfte Gehirnerschütterung und das Karrieende stand bevor. Nach langer Pause wagte er noch einmal einen Versuch. Sein Arbeitgeber, die Buffalo Sabres, wollten das Risiko jedoch nicht eingehen. So landete er bei den New York Rangers. Hier schien zunächst alles gut zu laufen. Aber im 67. Saisonspiel passierte was passieren musste. Eine erneute Kopfverletzung brachte das endgültige Aus. Freunde und Ärzte rieten ihm gleichermaßen seine Karriere zu beenden. Für Pat LaFontaine bedeutete Eishockey sein Leben. Er hatte nie etwas anderes getan. Nun war seine sportliche Laufbahn am Ende. Er war gerade 33 Jahre alt.

Auch Torhüter sind von der Gefahr einer Gehirnerschütterung nicht ausgeschlossen. In der Saison 2001/2002 wurde Mike Richter (New York Rangers) nach einem Schlagschuss vom Puck getroffen. Die Scheibe schlug mit voller Gewalt gegen seine Maske, die dabei zerbrach. Richter blieb minutenlang regungslos auf dem Eis liegen. Auf einer Trage wurde er dann vom Spielfeld gebracht und anschließend in ein Krankenhaus eingeliefert. Er brauchte lange um sich zu erholen. In der folgenden Saison klagte Richter dann plötzlich erneut über Kopfschmerzen und Schwindel. Die Diagnose: Post Concussion Syndrome (Spätfolgen einer Gehirnerschütterung).

Man sieht also wie gefährlich vor allem Kopfverletzungen sind. Jede Gehirnerschütterung kann bleibende Hirnschäden verursachen. Die Folgen wären nicht nur Kopfschmerzen und Schwindel, sondern können auch den Verlust der Sehkraft und motorische Störungen bedeuten. Der Betroffene kann sogar als Schwerstpflegefall enden. Das menschliche Gehirn ist sehr komplex und äußerst empfindlich. Es schwimmt in einer Flüssigkeit innerhalb des Schädels und ist umhüllt von einer sensiblen Haut. Bei einem schweren Aufprall oder Schlag wird das Gehirn gegen die Schädelwand geschleudert und durch die negativen Kräfte anschließend zurückgeschleudert, wobei es wiederum gegen die andere Schädelwand prallt. Ist der Kopf dabei völlig ungeschützt, kann es zu lebensbedrohlichen Verletzungen kommen. Hierbei kommt es zu Quetschungen des Gehirns selbst. Auch innere Blutungen können die Folge sein.

Weitere Spieler, die ihre Karriere wegen Gehirnerschütterungen beenden mussten sind u.a. Mike Eaves 1985 (Minnesota, Calgary), Warren Babe 1991 (Minnesota), Michel Goulet 1994 (Quebec, Chicago), Geoff Courtnall 2000 (St. Louis, Vancouver).

Eine andere, weitaus ungefährlichere Verletzungsart bei Eishockeyspielern, sind Knieverletzungen. Bänderriss, Kreuzbandriss und Meniskus sind die Schlagworte, die auch bei jedem Fußballer einen Schatten auf das Gesicht werfen. Zuletzt erwischte es Keith Jones (Washington, Colorado, Philadelphia). Nach zahlreichen Knieverletzungen und Operationen beendete er seine Laufbahn 2001 im Alter von 33 Jahren.

Auch Steve Yzerman (Detroit Red Wings) hätte es fast erwischt. Beide Knie wurden bereits mehrfach operiert. Bei den Olympischen Spielen 2002 verletzte er sich erneut am Knie. Nach den Spielen setzte er zwar einige Zeit aus, wurde aber in den Play Offs eingesetzt, obwohl die Verletzung noch nicht ausgeheilt war. Aufgrund der starken Belastung musste er anschließend zum zehntenmal an diesem Knie operiert werden. Durch die vielen Operationen, war inzwischen das Bein verkürzt, so dass man mittels eines speziellen Verfahrens die Verkürzung ausgleichen musste. Noch nie zuvor war eine solche Operation erfolgreich bei einem Profisportler durchgeführt worden. Die nächste Verletzung an diesem Knie dürfte allerdings das sportliche Ende bedeuten.

Dass es aber noch weitaus mehr Möglichkeiten einer schweren Verletzung im Eishockey gibt, zeigen die folgenden Beispiele:

Im Januar 2000 wurde Trent McCLeary (Montreal Canadiens), beim Versuch einen Schlagschuss zu blocken, vom Puck am Kehlkopf getroffen. Die Scheibe zertrümmerte den Kehlkopf und McCleary brach zusammen. Nur durch eine Tracheotomie (Luftröhrenschnitt) konnte sein Leben gerettet werden, sonst wäre er noch auf der Eisfläche verstorben. Seine Karriere musste er allerdings beenden.

Bryan BerardAm 11. März 2001 wurde Bryan Berard (New York Islanders, Toronto Maple Leafs, New York Rangers, Boston Bruins) beim einem Zweikampf an der Bande von Marian Hossa's Stock so unglücklich im Gesicht getroffen, dass er fast sein linkes Auge verloren hätte. Blutüberströmt wurde er ins Krankenhaus gebracht wo sofort eine Notoperation eingeleitet wurde. So konnte das Auge gerettet werden. Seine Karriere musste er aber beenden. Er war erst 23 Jahre alt. Nur mit viel Geduld und Willenskraft gelang es Berard nicht die Hoffnung zu verlieren. Insgesamt sieben Augenoperationen musste er über sich ergehen lassen. Da eine Regel der NHL besagt, dass ein Spieler mindestens eine Sehkraft von 20/400 besitzen muss, gab es keine Chance für ihn, seinen Sport weiter auszuführen, denn seine Sehkraft betrug nur noch 20/600. Mit Hilfe einer speziellen Linse konnte dies aber ausgeglichen werden. Nach einer einjährigen Pause ist er mittlerweile wieder aktiv.

In den Play Offs 2001 wurde Peter Forsberg (Colorado Avalanche) im Spiel gegen die Los Angeles Kings von den Gegenspielern immer wieder hart attackiert. Nach dem erfolgreichen Spiel saß die gesamte Mannschaft beim gemeinsamen Essen, als der Schwede plötzlich immer blasser wurde und über Übelkeit klagte. Vorsichtshalber brachte man ihn darauf ins Krankenhaus. Bei den Untersuchungen kam man zu einer äußerst überraschenden Diagnose: Milzruptur. Bei den harten Attacken muss ihn wohl ein Gegenspieler so unglücklich und hart erwischt haben, dass das Organ einen Riss davontrug. Aus dem Riss blutete es langsam ins Körperinnere. Nach einer gewissen Zeit hatte dies einen Kreislaufzusammenbruch zur Folge. In einer Notoperation wurde das verletzte Organ entfernt. So konnte man Forsberg gerade noch retten. Die Milz ist zwar kein lebenswichtiges Organ, sondern zählt zum Abwehrsystem des Körpers, aber die innere Blutung hätte den Tod zur Folge gehabt. Forsberg setzte darauf eine komplette Saison aus und kam erst in den Play Offs 2002 wieder zum Einsatz. Forsberg wurde Topscorer der Play Offs und spielt heute besser den je.

In den Play Offs 2002 brach sich Chris Pronger, beim Versuch Steve Yzerman zu checken, das Handgelenk. Der Bruch war so unglücklich, dass nur eine Operation das Gelenk wiederherstellen konnte. Aber immer wieder gab es Komplikationen. Eine Metallplatte sollte die Bruchstelle fixieren. Doch das Implantat musste mehrmals entfernt und erneuert werden. Lange Zeit war ungewiss ob er überhaupt noch mal spielen kann. Die eingeschränkte Bewegungsfreiheit des Gelenks erlaubte einen Einsatz nicht. Erst 10 Monate nach der ersten Operation konnte Pronger seine Arbeit wieder aufnehmen.

In der Saison 2002/2003 wurde Jochen Hecht nach einem Schlagschuss eines Teamkollegen vom Puck getroffen. Die Scheibe traf genau sein auf Ohr. Dabei verlor er ein kleines Stück der Ohrmuschel und litt lange Zeit unter Gleichgewichtstörungen. Das Gleichgewichtsorgan liegt innerhalb des Ohrs. Durch den harten Schlag auf das Ohr wurde dieses winzige Organ beschädigt. Die Folgen waren Gleichgewichtsstörungen, Schwindel und stechende Schmerzen. Auch Jochen Hecht lebte vorübergehend mit der Angst seinen Sport nicht mehr ausüben zu können.

Uwe KruppUwe Krupp (Buffalo Sabres, New York Islanders, Colorado Avalanche, Detroit Red Wings, Atlanta Thrashers), der einzige deutsche Stanley Cup Gewinner, hat gerade seine Karriere offiziell beendet. Der Grund waren chronische Rückenprobleme. Immer wieder hatte Krupp in den letzten Jahren mit Bandscheibenvorfällen zu kämpfen. Als er 1996 den Stanley Cup gewann, hatte er eine schwere Saison hinter sich. Nur 6 Spiele hatte er in der regular Season absolviert. Umso größer war die Freude nach dem Siegtor und der Ehrenrunde mit dem Cup. Als er 1998 Colorado verließ und in Detroit anheuerte, begannen die Probleme erst richtig. Er absolvierte in der folgenden Saison nur 22 Spiele. Dann traf ihn ein schwerer Bandscheibenvorfall und zwang ihn zu einer zweijährigen Pause. 2002 kehrte er endlich zurück. Aber nur für 8 Spiele. Dann setzte ihn ein erneuter Bandscheibenvorfall außer Gefecht. 2003 wechselte er nach Atlanta. Doch auch hier hatte er kein Glück. Nach 4 Spielen war seine Saison bereits wieder beendet.

Die absolute Katastrophe ereignete sich für die NHL in der Saison 2001/2002. Während eines Spiels der Columbus Blue Jackets verfehlte Espen Knutsen mit seinem Schlagschuss das Tor. Der Puck wurde von einem Spieler abgefälscht und flog über das Plexiglas in die Zuschauermenge hinein. Dort prallte die Scheibe an 2 Zuschauern ab, bevor sie ein kleines Mädchen am Kopf traf. Sicher passiert dies wohl in jedem Spiel mehrmals. Aber diesmal endete es tödlich. Das Kind wurde ins Krankenhaus eingeliefert, wo es wenige Tage später ins Koma fiel und starb. Das war Anlass zu großen Diskussionen und hatte zur Folge, dass in allen Eishallen der NHL große Fangnetze hinter den Toren installiert wurden. In der Saison 2002/2003 ereignete sich trotzdem ein ähnlicher Fall. Der Puck flog nach einem abgefälschten Schuss in die Zuschauermenge auf der Seitentribüne. Dort traf die Scheibe eine ältere Dame im Gesicht, die dabei mehrere Zähne verlor.

Sicherheit ist in der NHL ein großes Thema. Alles Mögliche und Machbare zum Schutz der Spieler und der Zuschauer wird getan. Trotzdem lassen sich wohl Zwischenfälle nicht gänzlich vermeiden. So liegt es im Interesse der Zuschauer selbst, das Spiel aufmerksam zu verfolgen, um das Risiko durch verirrte Pucks verletzt zu werden, zu verringern. Das aber ist in Nordamerika nicht so leicht. Im Gegensatz zu den Spielen in Europa, wird in Nordamerika ein Spiel anders verfolgt und betrachtet. Hier liegt das Hauptaugenmerk in der Unterhaltung. Dazu gehören aber auch neben dem Spiel viele andere Dinge wie Coke, Popcorn und Hamburger. So wird man immer wieder vom eigentlichen Spielgeschehen abgelenkt. Zu überlegen wäre es, ähnlich wie hinter dem Tor, auch an den Seiten Fangnetze zu installieren. Eine andere Möglichkeit wäre eine Erhöhung der Plexiglasumrandung. Im Sinne der Spieler liegt es dagegen ein Schutzvisier zu tragen. Viele Spieler, überwiegend Europäer, tragen bereits ein solches Schutzvisier. Aber noch ist es nicht Pflicht. Immer wieder kommen Diskussionen auf, ob eine solche Visierpflicht eingeführt werden soll, doch bisher haben sich die Spieler immer dagegen gewehrt. Ob und wann eine solche Pflicht irgendwann doch eingeführt wird, darüber kann man nur spekulieren. Aber die Verletzungen sprechen eher dafür als dagegen. Die Augenverletzung von Bryan Berard ist nur ein Beispiel. Es gibt sicher noch viel zu tun für die Ligaleitung. Auch im Bereich der Sicherheit. Ein weiterer Schritt in die richtige Richtung war eine strengere Regelauslegung, die das ständige Haken und Halten eindämmen soll. Aber eines ist schon jetzt sicher...nach der Saison 2003/2004 wird es noch mehr Diskussionen geben, aber das steht auf einem anderen Blatt.

Dieser Artikel erschien auch in der Eishockey World, Ausgabe Mai 2003, Nr.14

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